Hollywood kaut uns immer wieder die gleichen Stories vor. Viele Weißbiere schmecken einfach nur nach einem Standard-Weißbier für Jedermann. Und das Brot beim Aldi schmeckt genauso langweilig wie das vom Lidl. So viele Produkte sind in den Händen von Nestle, dass wir sie gar nicht mehr auzählen können. Große Firmen schlucken kleine Firmen. Im Einheitsbrei für die große Masse, für den treudoofen Kunden gehen viele Werte verloren. Der Metzger im Ort macht Pleite, der Bäcker verkauft seine Geschäftsräume an die großen Backwaren-Ketten und selbst das Tegernseer Bier ist nicht mehr das was es war: Du bekommst es auch in Frankfurt oder sogar in Hamburg. Und die Qualität hat definitiv nachgelassen. Vor allem in den Sommermonaten merkt man es: Das Bier, das einst mindestens sechs Wochen gereift hat, wird nun nach schon einer Woche abgefüllt. Weil der Bedarf hoch ist und man Verträge hat. Selbst mit Italienern. Ja, Tegernseer Bier, das einst für Regionalität stand, gibt es auch in Italien.

Doch die Gegenwelle kommt bereits. Lokale Produkte sind gefragter denn je. Neue Brauereien bringen lokale Biere auf den Markt, Obst und Gemüse frisch aus der Region: Die Sehnsucht nach Regionalität ist stärker denn je. Fleisch vom Bauer nebenan rückt in den Fokus. Vor kurzem hatte ich ein Interview mit Wolfgang Sappl von Sapplbräu, der ein neues regionales Bier für Holzkirchen (Landkreis Miesbach) auf den Markt gebracht hat. Die Begeisterung ist enorm. Und beim Giesinger Bräu, bei der “Langen Nacht der Brauereien”, sprach ich mit zahlreichen weiteren Braumeistern, die ich kenne. Man wünscht sich mehr Regionalität. Vermutlich weil wir uns an dem überregionalen Standard, der zwar billiger erscheint aber eben nicht unbedingt hochwertig ist, satt gegessen und gesehen haben. Und ganz ehrlich: Ich habe vor einem halben Jahr angefangen, weniger aber dafür hochwertigeres Fleisch zu essen. Das bringt einem völlig neue Geschmackserlebnisse.

“Die Menschen sehnen sich nach Regionalität mehr denn je.”

Deshalb ist es kein Wunder, dass der TSV 1860 München zwar sportlich tief gefallen ist, aber für große Begeisterung sorgt. Die Kälte der Allianz Arena ist Vergangenheit. Zweifelsohne, die Allianz Arena ist vor allem Event. Und mit Events lässt sich gut Geld machen. Aber irgendwann hat man eben genug von Kino, großen Bühnen und all dem Einheitsbrei. Ja, meine Güte. Dann ist dort eben alles perfekt organisiert. Wollen wir das? Der Wunsch nach Regionalität nimmt zu. Die Leute finden es längst nicht mehr gut, dass man alle Produkte überall bekommt und zudem an Qualität verloren haben, weil man für die Masse produziert.

Der TSV 1860 München profitiert davon. In Giesing wird eine neue Ära eingeleitet. Die Verbundenheit zu den längst vergessenen Wurzeln lebt plötzlich wieder auf und man sieht von einem Tag auf den anderen, wie viel uns Giesing wert ist. Die Kneipen, die Gaststätten und das Grünwalder Stadion. Seit Ihr mal vor einem Spiel durch die Straßen gegangen? Das ist herrlich. Da wird man süchtig.

Westkurve 1860 gegen Burghausen
(c) Hans Hinle

Witzig, dass einige die euphorische Welle als “fehlgesteuerte ewig Gestrigen” bezeichnet. Nein, da versteht jemand grundsätzlich etwas falsch. Das ist modern. Gerade in der Mittel- und Oberschicht sehnt man sich nach Regionalität und Bürgerlichkeit. Weil man genug vom Standard hat. Und genau das ist der Hebel, wo der Verein ansetzen muss. Denn man wird tatsächlich zum “ewig Gestrigen”, wenn man sich nur auf die Tradition beruft. Heutzutage will man zwar Regionalität, aber modern verpackt. Braumeister haben das erkannt und brauen regionales Bier, aber mit moderner Technik und vor allem zeitgemäßem Marketing. Witzig, dass einige große Brauereien plötzlich kleinere Schwestern-Brauereien gründen um dort mitzumischen. Man hat das regionale Produkt als Marketing-Strategie erkannt. Gleiches gilt für regionale Fleischlieferanten, Obsthändler, Gaststätten und vielen weiteren Geschäftsleuten.

Freundschaftsspiel 1860 gegen BVB 2016Der TSV 1860 München ist heute mehr denn je ein regionales Produkt, das Spaß macht und jedem seine Sehnsucht nach Regionalität stillen kann. Auch im Fußball hat man längst die Schnauze voll, dass die Deutsche Meisterschaft Jahr für Jahr vom gleichen Verein gewonnen wird. Und wie viel Geld man für manche Spieler bezahlt: Ob es 100 Millionen oder 200 Millionen sind, das ist längst egal. Es ist für uns alle einfach nur “viel Geld”, mehr nicht. Nein, das ist es nicht, nach was wir uns sehnen. Weltmeisterschaften oder Olympia: Alles hat so einen gewissen Touch, bei dem wir froh sind, dass wir es nicht jede Woche haben. Gefährlich ist es, wenn sich die Bundesliga komplett ebenfalls in diese total verrückten und völlig überzogenen Massen-Events entwickelt. Weil wir das alle zwei oder vier Jahre aushalten, aber nicht Woche für Woche.

Einen ideellen Wert? Nein, den sehen wir nicht. Und an diesem Punkt kommt die gleiche Sehnsucht ans Tageslicht wie bei anderen regionalen Produkten. Wir wollen ein bis zwei Mal im Jahr mal ein schönes Event erleben, aber glücklich macht uns die Verbundenheit zur Regionalität. Und dieses Wort haben wir sogar in unserer aktuellen Liga mit drinnen: Wir sind Regionalliga – wir sind Regionalität.

“Die Mannschaft spürt diese Euphorie und die Fans ebenfalls.”

Es ist eine Chance. Der TSV 1860 München als regionales Produkt. Natürlich wollen wir wieder aufsteigen. Natürlich wollen wir Erfolg. Aber man kann sich dabei nur wünschen, dass man das regionale Produkt “Sechzig” diesmal nicht aus den Augen verliert. Wir wollen einen Investor. Aber wir hoffen auch, dass er erkennt, was wir wirklich sind: Ein Produkt, das moderner denn je ist. Eben weil Regionalität modern ist.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
Abonnieren
Benachrichtige mich bei