Chris McMenamy aus Irland und seine 6 Freunde besuchten das Spiel des TSV 1860 gegen Aue, Freitag Abend, 16.09.2022, Grünwalder Stadion. Sie sahen ein grandioses 3:1, mit den Toren für 1860 durch einen Hattrick von Fynn Lakenmacher 10′, 77′, 84′.

Nun veröffentlichte Chris einen schönen Bericht – Das Original findet ihr hier: https://moderngame.co.uk/post/1860-Munich-Oktoberfest, den wir euch nicht vorenthalten wollen und ins Deutsche übersetzt haben:

„Wir sind stark wie noch nie, uns zwingt keiner in die Knie“, singt die Westkurve im Sechzgerstadion, triumphierende Stimmung an einem für irische Verhältnisse milden Freitagabend im September. Fynn Lakenmachers Hattrick beim 3:1-Sieg gegen Aue reicht aus, um 1860 München an die Spitze der 3. Liga zu schicken und das Oktoberfest-Eröffnungswochenende zu einem Highlight zu machen. Warum weiß ich das? Weil ich dort war, als Teilnehmer an dem Experiment, zu sehen, wie viel deutsches Bier ein Mann konsumieren kann und sich danach trotzdem noch an ein Fußballspiel erinnern kann. Die Antwort? Ich weiß nicht mehr so viel, wie ich es gerne hätte, aber wie so oft, sind die Details noch da und brauchen nur ein wenig Zeit, um alle wieder aufzutauchen. Doch ein Gedanke durchdrang den von Augustiner befeuerten Dunst. Dieser Club ist an einem wirklich zuträglichen Ort.Verrückt, oder?

Die Sechzger, wie sie genannt werden, waren um die Jahrtausendwende ein Champions-League-Team, wenn auch nur für kurze Zeit. Sie haben seit 2004 keinen Bundesliga-Fußball mehr gespielt und standen öfter am Rande des Bankrott als Homer Simpson, aber gerade jetzt sehen sie großartig aus, wie Ikarus, der, nachdem er der Sonne zu nahe gekommen war, beschlossen hätte, sich niederzulassen und einen Job in der IT anzunehmen und begonnen hätte, mit wandern anzufangen. Vielleicht hat ein viel versprechender Start in die Saison meinen Blick auf das Spiel von 1860 zu rosig gefärbt, aber in Giesing zu Hause zu sein und vor vollem Haus zu gewinnen, macht die Löwenfans eher schon zu einem sehr glücklichen Haufen. Als ich mit meinen Freunden nach München reiste, waren wir  vermessen genug zu glauben, dass wir am Spieltag noch Tickets bekommen würden , nur um herauszufinden, dass das Spiel zwei Wochen im Voraus ausverkauft war. Doch durch die Macht der sozialen Medien, zumindest der guten Seite davon, kam ich mit einigen “Sechzger Stadion infizierten Veteranen” in Kontakt, die es schafften, uns Tickets für die wunderschöne Westkurve des Stadions zu besorgen. Richtige Stehplätze ohne Sitze und Dach, aber voller Geschichte.

Das Erlebnis am Spieltag war seltsam vertraut und doch völlig anders. München ist ein Klassiker im Genre der europäischen Großstädte, mit atemberaubender jahrhunderte alter Architektur, und dennoch eine moderne Stadt. Wir probierten Augustiner Helles, einen der Favoriten der Münchner, bevor wir uns zum historisch bedeutenden Hofbräuhaus aufmachten, dessen eloquente barocke Fresken sich mit dem Duft von Fleisch, Kartoffeln und Bier mischen.Viel Bier.

Am Vorabend des Oktoberfestes ist eine „kultivierte“ Kneipentour und so ein authentisches Fußballspiel (sorry Bayern-Fans) kaum zu übertreffen. Als wir uns auf den Weg nach Giesing machten, der natürlichen Heimat von 1860 München, wurden weiß und blau bald zu den dominierenden Farben, und die Fans in der U-Bahn waren sowohl gespannt auf ein Flutlicht-Spiel, als auch verwirrt über das Geplapper der Gruppe mit dem irischen Akzent. Wir machten uns auf den Weg zum Grünspitz, ehemals der Platz eines Autohändlers, der jetzt als Biergarten für die Fußballfans dient. Dort trafen wir unsere Retter, Sebastian und Sascha, die unsere Tickets organisiert hatten und als unsere Giesing-Tourguides fungierten. Als die Menge der Fans zunahm, machten wir uns auf den Weg zum Stadion, um die Atmosphäre zu genießen, denn uns war schließlich Großes versprochen worden: das Oktoberfest fand zum ersten Mal seit der Pandemie wieder statt, die Mannschaft sollte zu diesem Anlass ein besonderes Trikot anhaben und die Ultras hinter dem Tor in der Westkurve hatten eine aufwändige Choreo geplant. Wer braucht schon barocke Fresken, wenn man Drittliga-Fußball hat?

Uns war ein echtes deutsches Fußballerlebnis versprochen worden. Atmosphäre, Bier und Angriffsfußball … oder war es die schlechte Verteidigung des Gegners? Ich bin überzeugt, es war toller Angriffsfußball. Wie auch immer, es war ein hochfliegender TSV 1860 München, gegen den Tabellenletzten Erzgebirge Aue, ein Pflichtsieg für die Heimmannschaft, nach dem Dämpfer gegen Tabellenführer Elversberg. Das Match selbst war kein großer Kampf, da Fynn Lakenmacher Sechzig schon in der 10. Minute in Führung brachte, bevor er einen Hattrick erzielte. Wie ein von Aldi produzierter Erling Haaland. Mit seiner stattlichen Statur und den langen blonden Haaren, war Lakenmacher viel zu viel für Aue.Er zeichnet sich als einer aus, den man in den kommenden Jahren im Auge behalten sollte, mit seinen 22 Jahren hat er noch eine lange aktive Zeit vor sich.Aber es ist wohl Leandro Morgalla, der die 1860-Fans am meisten zu begeistern scheint. Der war erst drei Tage vor diesem Spiel 18 Jahre alt geworden, doch der Innenverteidiger spielte mit der Selbstsicherheit und Gelassenheit eines Routiniers. Er wird zweifellos bald Bundesliga-Fußball spielen und ich bin sicher, er wird hoffen, dass es für den Verein ist, in dem er aufgewachsen ist. Der aber könnte auch eine siebenstellige Summe für ihn kassieren, bevor dieser Traum Wirklichkeit werden kann.

Was bei unserem Ausflug nach Giesing am meisten aufgefallen ist, war die Freude der Sechzig-Fans. Im Laufe der Jahre wurde der Verein von Giesing ins Olympiastadion, in die Allianz Arena und zurück ins Sechzgerstadion in Giesing geschleppt, wo sie nun die letzten fünf Jahre spielen, nachdem Bayern München (oder die ‘Red Bastards’, wie mir gesagt wurde, daß man sie nennt) sie aus der Allianz Arena ließ. Das mag nach einer schlechten Sache klingen, aber fragt man die Hardcore-Fan der weiß-blauen, jeder wird dasselbe sagen, dass Giesing der Ort ist, an den Sechzig gehört. Das Grünwalder mag alt aussehen (und es ist alt), aber es ist ein richtiges Fußballstadion. Es gibt praktische Kioske, viele Geländer an der Stehplätzen und kaum Schutz vor den Elementen, es sei denn man hat das Glück auf den “vornehmen” Plätzen zu sitzen. Die Fans sind freundlich, obwohl der „leichte“ Rauschzustand meiner Freunde und mir das beeinflusst haben könnte. Es ist eine Ecke fußballerischer Reinheit, die in dieser Welt des modernen Fußballs, der von Geld und Eintönigkeit lebt, gepflegt werden muss. Dies ist keine Welt für Videoblogger und Unternehmen, es ist der Ort, an den du gehst, um Freunde und Familie (bluts- oder auf andere Weise verwandt) zu sehen, die durch den einzigartigen Traum zusammen kommen, Ihren Club erfolgreich zu sehen und ihn zu genießen.

Es war eine große Menge Kinder beim Spiel. Einige von ihnen versuchen, die leeren Bierbecher zu ergattern, um das Pfand für die Rückgabe an den Kiosken zu erhalten. Eine lobenswerte unternehmerische Leistung. In fast zwei Jahrzehnten der Instabilität hat der Verein wahrscheinlich viele junge Fans verloren, aber es ist erfrischend, eine neue Generation zu sehen, während der Verein seinen Aufstieg zurück in die große Zeit beginnt.1860 München fühlt sich an wie ein aufstrebender Club, ein schlafender Riese, der kurz davor steht, aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen. Sicher, sie stehen vor Herausforderungen, wie die meisten Klubs, die sich von ernsthaftem finanziellem Missmanagement erholen, wie z. B. das Hin- und Her der Stadt über die Zukunft des legendären Stadions und interne Streitigkeiten über Strategien, aber das Gewinnen von Fußballspielen kann so viel wettmachen.

Cheftrainer Michael Köllner lässt sie gut spielen, und wir haben gesehen, wie er die Feierlichkeiten auf dem Oktoberfest genoss, an einem Wochenende, das den Eindruck erweckte, dass 1860 München der Verein mit den meisten Fans in der Stadt ist. Weiß und blau überall, Vereins-Lieder wurden in Zelten gespielt und es wurde mehr Fankleidung gesichtet, als vom Stadtrivalen, vielleicht war es aber auch nur eine Folge davon, dass Augsburg an diesem Tag die Bayern besiegt hat.

Wie auch immer , wenn die Anforderungen an den Aufstieg größer werden, täte das Team gut daran, die Energie seiner Fans und die allgemeine gute Stimmung darüber,  in der wahren Heimat zu sein, zu nutzen, wenn sie sich auf den Weg zurück dorthin machen, wo sie hin gehören – die Bundesliga. Diese hervorragenden Fans haben unserer Gruppe eine bleibende Erinnerung beschert und wir sangen den ganzen Weg zurück in die Stadt triumphierend “Sechzig München olé”. Als das Oktoberfest zum ersten Mal seit drei Jahren wieder zurückkehrte, fühlte es sich an, als wären die guten Zeiten zurückgekehrt. Vielleicht auch bei 1860. Chris McMenamy, October 18, 2022

Dem ist nichts hinzuzufügen, danke für den schönen Bericht, wer möchte kann Chris auf Instagram folgen @cmcmenamy.

Interessant sind auch Chris’ andere Artikel auf seinem Blog https://moderngame.co.uk/

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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serkan

In Giesing hat der Fußball eben noch, oder vielmehr wieder, Herz und Seele. Auch Leute, die nicht von hier sind, spüren das sofort.

waltlsebastian

Man möchte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Chris und sei Freunde sechs Jahre früher dran gewesen wären und in der Arena gelandet wären. Einen Artikel voller Begeisterung hätte es dann wohl nicht gegeben.

DaBrain1860

Schön geschrieben, da kommen ja gleich Emotionen hoch 😅

waltlsebastian

Da hilft man einmal jemandem an Karten zu kommen und schon wird man in einem Artikel erwähnt. 🤣🤣

Siggi

Wirklich schöner emotionaler Artikel! Danke auch für die Uebersetzung.